Juneau
Freitag, 15.11.2013 – Abschied, die Erste

Ich kann wahrscheinlich noch so viele To-Do-Listen schreiben, wie ich will, aber mein Kopf wird nicht leerer... heute habe ich zum Beispiel herausgefunden, wo die Check-In-Schalter von American Airlines am Flughafen in Mexiko-Stadt sind, dass alles reibungslos ablaufen kann nächsten Donnerstag. Außerdem habe ich mich jetzt festgelegt: morgen, am Samstag geht es um 23:10 Uhr los nach DF, vom Einkaufszentrum Plaza del Sol aus. Deshalb musste ich heute noch zum Soriana in Avenida Americas laufen, gleich neben meiner Ex-Bushaltestelle, denn dort gibt es einen Ticketschalter von Primera Plus. Beim Weg zurück habe ich mich noch einmal ganz genau umgesehen, und dort habe ich mich für mich selbst ganz heimlich, still und leise von der Colonia Providencia verabschiedet. Der große Koffer ist schon hübsch voll, meine Leoparden-Tasche für das Handgepäck wird auch schon eng... mal schauen, wie ich das morgen alles zu bekomme. Weniger aufregend: Ich habe meinen Computer ausgemistet, insbesondere meine angesammelten Lesezeichen aus fast zwei Jahren, in denen ich jetzt meinen kleinen Laptop habe. Außerdem habe ich Julia nach einem Fitnessstudio gefragt, wahrscheinlich werde ich mich dann bald im Body Fit in Passau abquälen, um wieder „fit“ zu sein. Jetzt haben mich diese beschissenen gesellschaftlichen Konventionen von wegen „Sport als das Geilste auf der Welt“ auch schon im Griff. Ich Opfer.


Irgendwie begriff ich erst den Ernst der Lage, dass ich hier wirklich von hier bald verschwinde, erst abends, als ich mich auch von Diego und Sandra verabschieden musste. Beide fahren morgen nach Leon, dort findet ein Heißluftballonfestival statt. Sie fahren heute Nacht um drei Uhr los. Gott sei Dank weiß Sandra, wie schlimm mir Abschiede fallen, deswegen hielten wir es kurz. Ich kam mir richtig blöd vor. Ich hätte wahrscheinlich eine Stunde lang aufzählen können, wie sehr ich ihnen für alles dankbar bin. Aber ich brachte nur ein heiseres „Gracias por todo!“, Danke für alles, heraus. Ich wurde wieder eingeladen, mit einem typisch mexikanischem „Mi casa es tu casa“, und „Ich hoffe, du hast hier deine zweite Heimat gefunden“ von Diego. Danach gingen beide ins Bett und ich in mein Zimmer rauf und heulte erst mal eine halbe Stunde, weil sie mir jetzt schon unglaublich fehlen. Nun, wo ich gerade in die Tasten haue, weine ich schon wieder; ich kann irgendwie noch nicht fassen, dass ich die beiden jetzt womöglich ein Jahr nicht mehr sehen werde.


Auch, dass ich morgen Guadalajara endgültig verlassen werde, tut mir irgendwo weh. Ich liebe diese Stadt: groß, laut, dreckig, pulsierend, wie ein großer Schlund, der uns alle irgendwann einmal auffrisst, aber für uns sorgend, und auch meine zweite Heimat. Die Leute, die schönen Alleen, die Geschichte der Stadt und des Bundesstaates Jalisco. Die herzlichen Essens- und Zeitungsverkäufer, Ab und zu wie ein zu groß geratenes Dorf, wo jeder jeden kennt. Wo Moderne und Tradition so eng ineinander verflochten sind, dass man sich gar nicht mehr genau auskennt. Aber vor allem meine neuen Freunde, meine Gast-WG, Sandra, Diego, Saskia, Joaquin und Salim, die mexikanischen Teilnehmer von VIA, und nicht zu vergessen meine Studenten. Vor knapp drei Monaten wurde ich aus der einen Welt herausgerissen und in eine andere, neue, fremdartige Welt, hineingeworfen, an die ich mich gewohnt habe, die ich oft verflucht, aber auch zu lieben gelernt habe. Jetzt muss ich wieder Adieu sagen, aber dieses Mal auf unbestimmte Zeit. Das tut weh.




Song of the Day: The Doors – People are Strange

16.11.13 06:06
 


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